Cornel Keller, Oktober 2019

Aarhus


Eine Fahrt durch ganz Deutschland in eine dänische Hafenstadt

Meine Reise begann gegen 21 Uhr an einem nasskalten Samstagabend am Zürcher Hauptbahnhof. Nach einem verregneten, frustrierenden und wenig erbaulichen Match entlud sich mein ganzer Frust in Form von Kaufrausch und Fressattacke in der Migros und bei deren hauseigenem Kebab- respektive Bäckerstand. Eine Packung Chips, Käse, Humus, Schokolade und eine Flasche Rivella umrundeten den Falafel und das ausgezeichnete Aprikosengebäck, was meine Laune ein wenig aufzuhellen vermochte. Auch wenn die Unzufriedenheit über das Spiel immer noch tief sass, war die Reise nach Basel dank literarischer Ablenkung kurzweilig. Darüber hinaus nahm langsam aber sicher die Vorfreude auf das Bevorstehende Überhand. Die Aussicht, von meinem Bruder am kommenden Mittag nach einer Fahrt durch ganz Deutschland in einer dänischen Hafenstadt begrüsst zu werden, liess mich alle belastenden Gedanken in den Hintergrund schieben. Und je leichter ich mich fühlte, desto reibungsloser verlief die Reise.  

Nachdem ich es mir im 1. Klasse-Wagen, einer alten Ausgabe mit einer Zweierbestuhlung an der einen und einer Einersitzreihe an der anderen Fensterfront bequem gemacht hatte, tuckerte die Lokomotive aus dem Badischen Bahnhof gen Norden. Als Schlafmittel dienten mir verschiedene mitgebrachte Bücher, dank welchen ich nach gut zwei Stunden in einen tiefen Schlaf versank. Wie auf Federn dahin rollend bemerkte ich nur halbbewusst einige Zwischenhalte, die restlichen mussten gänzlich ohne meine Aufmerksamkeit auskommen. Nach unerwartet vielen Stunden Schlaf wurde ich, als der Zug schon länger in Flensburg zum Stehen gekommen war, von zuvorkommenden Mitreisenden freundlich geweckt und darauf hingewiesen, dass ich jetzt rausmüsse, wenn ich nicht nach Hamburg zurückfahren wolle. Selten war ich so froh, an einer Haltestelle ausgestiegen zu sein, denn als ich den Bahnhof Flensburg zu sehen bekam, fiel meine Vorstellung von dieser Ortschaft auf wunderschönste Art und Weise wie ein Kartenhaus zusammen. Es war einzigartig, schöner als jeder Flug, besser als jede von langer Hand geplante Reise, bei der man schon zu Beginn genau weiss, was einen wann und wo erwartet. 

Vor meinem geistigen Auge hatte ich mir Flensburg, wohl aufgrund der erfolgreichen Handballmannschaft, als moderne Stadt vorgestellt, mit einer gewissen Grösse und Internationalität. Ich war mir sicher, dass ein stattlicher Bahnhof mit mehreren Geleisen, einem in weiss gehaltenen Kiosk, der haargenau gleich aussah wie alle die zigtausend anderen an den bekannten Reiseknoten dieser Welt und verschiedenste Leute, die beschäftigt oder in Ruhe dem Zug entgegensahen, dazu gehörte. Ich muss an dieser Stelle festhalten, dass mein Reisetag der Sonntag war, dennoch erlaube ich mir, daraus meine persönlichen Schlüsse zu ziehen.  

Das erste Geräusch, welches mir zu Ohren kam, war ein Schnarchen, dass ich leider niemandem zuordnen konnte. Es dröhnte wie ein abgenutztes Sägeblatt aus irgendeinem Winkel der aus Backsteinen gebauten, mittelgrossen Empfangshalle, die wohl gerade zu klein für eine Grossstadt und dennoch zu gross für ein Dorf war. Ohne mich an diesem überraschenden Geräusch zu stören, zog es mich zu den Postkarten, die vor der kleinen Imbissbude und dem Zeitungsladen aufgestellt waren. Es gab die schönsten, altmodischsten Karten, von welchen ich gleich deren vier in die Eidgenossenschaft verschickte. Nach meinem Eintreten stand inmitten einer braunen Theke aus altem, schwerem Holz, drei Wänden voller Zeitschriften und vielen Kaugummis eine ältere Dame, die wohl jünger war, als es ihr Aussehen vermuten liess. Eine Arbeiterin, in deren Gesicht das harte Geschäftsleben dieser Branche seine Spuren hinterlassen hatte. Mein Einkauf, vier Postkarten inklusive Briefmarken plus etwas gegen den Mundgeruch, konnte ich glücklicherweise mit der Karte begleichen, da ich keine Euromünzen mitgebracht hatte. Mobile Pay, contactless oder sonstige modernere Bezahlmöglichkeiten wurden hier nicht angeboten, oder sie wurden zumindest für nicht erwähnenswert befunden.  

Ich fühlte mich in der Zeit zurückversetzt, in einen Roman, den ich kürzlich gelesen hatte und in welchem der Bahnhofimbiss genau so beschrieben wurde. Alles lief langsamer als an den durchstrukturierten, maschinenbetriebenen Bahnhofläden, wo man neben einer riesigen Auswahl an Nahrungsmitteln gerade mal gefühlte fünf Sekunden Zeit hat, seine Sachen auszubreiten, zu bezahlen und wieder einzupacken. In diesem Shop in Flensburg verlief alles etwas gemütlicher, fast ein bisschen lethargisch, und niemand störte sich daran. Genauso wie sich wahrscheinlich nie jemand böse Gedanken machte, dass wieder ein Grasbüschel zwischen den Geleisen hervorgewachsen war. Die Zeit schien, so abgedroschen es auch klingen mag, in Flensburg etwas langsamer zu ticken – und bereitete mir damit eine grosse Freude auf meinem Weg nach Aarhus.  

Über den Autor


Autor

Cornel Keller

Seit 2012 im Team, ist Cornel hauptsächlich als Unterstützung im Bereich Werbung und Administration im Einsatz. Um einen Eindruck von der Unendlichkeit der Welt zu erhalten, ist er viel unterwegs, am liebsten mit leichtem Gepäck und abseits der grossen Touristenströme. So auch in Südafrika, als er während sechs Wochen als Volontär in der Nähe seiner Lieblingsstadt Kapstadt mit Geparden und Anatolischen Schäferhunden arbeitete.  Sein Motto: Weniger ist mehr, nimm dir Zeit zum Reisen.  

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